«Ich denke, dass VR das ultimative Medium ist. In dem Sinne, dass visuell nicht mehr geht.» meint Journalist Lorenz Matzat auf die Frage nach dem Potential von Virtual Reality (VR) für den Journalismus im Interview mit Vrodo, dem Magazin für Virtuelle Realität.

Während VR vor allem in der Unterhaltungsindustrie, aber auch in anderen Branchen wie beispielsweise dem Tourismus oder der Immobilienbranche zunehmend zum Trend-Thema wird, scheint es in einem Bereich recht ruhig zu sein: bei der Anwendung der Technologie im Journalismus. Zeit also für eine kurze Momentaufnahme.

Das Herantasten

Die aktuelle Meldung, dass ABC News auf Virtual Reality setzt, um journalistisches Storytelling auf die nächste Stufe zu heben, zeigt dass die Technologie auch in der Medienlandschaft angekommen ist. Im deutschsprachigen Raum lässt aufhorchen, dass sich ProSiebenSat.1 und Axel Springer beim amerikanischen VR-Spezialisten Jaunt beteiligen – neben Investoren wie The Walt Disney Company, Google Ventures oder China Media Capital.

Diese Nachrichten haben in der VR-Community grosse Wellen geschlagen, jedoch gibt es auch im kleineren Rahmen Bestrebungen seitens Medienunternehmen, sich dem Thema anzunähern. Die Online-Ausgabe der WELT beispielsweise publiziert regelmässig 360° Video-Reportagen der frei schaffenden Journalistin Susanne Dickel, welche für Ihre Tätigkeit vom Journalisten-Magazin medium in die “Top 30 unter 30” gewählt wurde.

N24 widmete dem Thema Virtual Reality eine (sehenswerte!) 25minütige Reportage. Der verantwortliche Moderator, Redakteur und Reporter für N24 sieht in den 360° Reportagen eine “Erweiterung der Möglichkeiten, ein zusätzlicher Service”, wie er in einem Interview sagt.

In der Schweiz organisiert die renommierte NZZ zusammen mit Google die “Virtual Reality Hackdays” anfangs November 2015 zum Thema “Storytelling mit Google Cardboards”, wobei während 48 Stunden “…gemeinsam die Art und Weise, wie Geschichten & News mittels Virtual Reality Technologie erzählt werden können” neu überdenkt werden sollen.

Und auch das Schweizer Fernsehen hat VR für sich entdeckt: In der Dienstagsausgabe von “Schweiz aktuell” berichtet Moderator Michael Weinmann in der “ersten interaktiven 360° Reportage” von einem Flug in der Schwerelosigkeit.

Diese ausgewählten VR-Anwendungen zeigen, dass der Technologie durchaus Potenzial beigemessen wird. Gerade für Reportagen oder Dokumentarfilme könnte sich das neue Medium also etablieren – auf diesem Gebiet wurde bereits Pionierarbeit geleistet, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Die ultimative Empathie-Maschine?

Nebst der eingangs erwähnten Syrien-Reportage von ABCNews gibt es weitere Beispiele von Beiträgen, welche mediale Beachtung fanden. So veröffentlichte RYOT News im August 2015 die Reportage “Welcome to Aleppo”, welche den Betrachter mittels VR in die zerstörte syrische Stadt versetzte. RYOT wurde wenige Monate zuvor vor allem durch die 360°-Berichterstattung aus dem vom verherenden Erdbeben betroffenen Nepal vergangenen April bekannt.

Bei VR-Reportagen kommt man zudem unweigerlich mit dem Namen Chris Milk in Berührung. Der Filmemacher und Gründer des VR-Unternehmens VRSE schuf zusammen mit VICE News die Reportage «VICE News VR: Millions March», welche als erste Virtual-Reality-Reportage der Welt Bekanntheit erlangte. Das Filmteam begleitete dabei im September 2014 die Proteste gegen Polizeigewalt in New York.

Weitere viel beachtete Reportagen folgten. Darunter «Clouds over Sidra», in welcher die Geschichte eines 12jährigen Mädchens, welches mit 130.000 anderen Syrer seit eineinhalb Jahren im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari lebt.

Gerade kürzlich erschien mit «Waves of Grace» eine knapp 10-minütige Reportage über den grössten Ebola-Ausbruch in Liberia der Geschichte. Begleitet wird in dem eindrücklichen 360° Film dabei Decontee Davis, eine Ebola-Überlebende, welche ihre Immunität gegenüber der Krankheit nutzt, um sich um verwaiste Kinder in ihrem Dorf zu kümmern.

Allen Reportagen gemeinsam ist die emotionale Bindung, welche der Betrachter zu den Protagonisten aufbaut. Dies kommt nicht von ungefähr, betont Chris Milk doch selber, dass die VR-Technologie die Möglichkeit wie keine andere Technologie besitzt, Menschen einander näher zu bringen – oder wie er es ausdrückt, die «ultimative Empathiemaschine zu kreieren».

Chancen und Risiken

Die augenscheinlichste Vorteil von 360°-Beiträgen liegt auf der Hand. Journalismus mit Einsatz von Virtual Reality lädt das Publikum auf eine völlig neue Weise in Reportagen und Geschichten ein und eröffnet wortwörtlich neue Perspektiven.

Die freie Umsicht erlaubt es dem Betrachter, sich ein eigenes Bild vom Geschehen machen und ist somit nicht mehr der Subjektivität des Reporters ausgeliefert, welcher bei klassischen Bildmedien den Ausschnitt auswählt und somit massgeblich darüber mitbestimmt, welcher Eindruck vermittelt wird. Gerade durch den vollständigen Einbezug des Betrachters in die Szene (Immersion) erlauben 360°-Videos darüber hinaus eine viel nähere und emotionalere Bindung ans Geschehen. Gerade in der Sportberichterstattung wäre die Tagline “Mittendrin statt nur dabei” mit Virtual Reality zutreffender denn je.

Auch dem Monetarisierungsproblem des digitalen Journalismus könnte mit VR entgegengetreten werden, meint Martin Weigert in einem Beitrag: «Aufgrund des intensiven Erlebnis- und Interaktivitäts-Charakters für Nutzer sowie in Anbetracht der hohen Produktionsbarrieren ist zu vermuten, dass sich für VR-Journalismus gutes Geld verlangen lässt.»

Bis jedoch VR-Inhalte flächendeckend verbreitet werden, vergeht noch einige Zeit. Zudem halten gemäss einer Umfrage im Auftrag von nextMedia Hamburg noch 70 Prozent der befragten Medienmacher die Technologie für zu kostenintensiv. Rund 66 Prozent sehen die Technologie als noch nicht ausgereift an.

Gleichzeitig fehlt die Erfahrung mit dem neuen Medium – in derselben Umfrage geben weniger als 25 Prozent der Befragten an, selber VR bereits selbst erlebt zu haben. Dem gegenüber stehen jedoch 59 Prozent, die angeben, dass VR die Medien- und Digitalwirtschaft merklich beeinflussen wird.

Angesichts der Tatsache, dass sich der Markt für Virtual Reality laut verschiedensten Prognosen rasch entwickeln wird und dem Umstand, dass grosse Player wie Google, Yahoo und vor allem Facebook an die Technologie glauben und den aufstrebenden Markt mitgestalten, scheint es jedoch an der Zeit, erste Erfahrungen mit dem neuen Medium zu sammeln. Dass dies sehr einfach und kostengünstig möglich ist, haben wir an anderer Stelle bereits geschrieben.

 

English Summary

While Virtual Reality is a hot topic in serveral areas such as entertainment, tourism or real estate, one area hasn’t had the coverage it deserves: journalism. 

ABCNews announced that they start producing 360° videos for reporting, and Germany based media-corporations ProSiebenSat.1 and Axel Springer recently co-funded VR-specialist Jaunt. In Germany, the online newsportal welt.de frequently publishes 360° videos, and N24 created a half hour documentation about Virtual Reality. In Switzerland, NZZ will hold their first “Virtual Reality Hackdays” and the public TV-station SF had it’s 360° video premiere this week.

Using immersive 360 degree videos for reports already had a big impact in the VR community, mainly the stories from RYOT News (“Welcome to Aleppo” and a report about the aftermath of Nepal’s devastating quake) or filmmaker Chris Milk and his company VRSE (“VICE News VR: Millions March”, “Clouds over Sidra” or “Waves of Grace“). 

The advantage of VR for journalism is obvious: creating a new, immersive way of storytelling and consumer-engagement without the subjectivity of a camera angle. Before VR is used by the mainstream though, some time and progress is needed. In a poll, a majority of journalists answered that the technology might not be ready yet, but also 59% reported that they believe VR will influence the media and digital economy noticeably.

Bildquelle: roadtovr.com / Photo: Socrates Kakoulides

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